1. Alleinflug von Andreas Wüst, Mai 2018

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Mein erster Alleinflug – oder: Platzrunde mit Spezialeffekten

 


Der Tag beginnt eher trist. Die Wolken hängen tief und die morgendliche Flugstunde muss leider
ausfallen. Trotzdem hat mein Fluglehrer Stephan Vatter noch die Hoffnung, dass es gegen Abend besser
wird. Zum Glück behält er recht und um 16:30 Uhr kann es losgehen. Tanken, Walkaround, alle Checks
ohne Probleme. Der erste Start mit Platzrunde ist völlig problemlos und die Landung mit leichtem
Seitenwind auf der Piste 24 gelingt butterweich.
Das war auch schon alles was an dieser Flugstunde normal ist, denn wir starten nicht wie sonst durch
sondern Stephan bittet mich, zum Hangar zurück zu rollen. Auf meine Frage warum sagt er lapidar, dass
er gerne einen Pilotenwechsel machen will. Ich soll einfach sitzen bleiben. Da dämmert mir langsam was
jetzt kommt und ich bin etwas aufgeregt.
Wie durch einen glücklichen Zufall (!) ist Maria End da und setzt sich zu mir ins Flugzeug. Stephan ist
zuvor unauffällig verschwunden und murmelte nur noch was von „einfach so wie immer“.
Dann geht wirklich alles so wie immer. Ich erzähle munter was ich im Flieger alles so mache und Maria
nickt und kommentiert wohlwollend. Rollen, Checks, Start, Platzrundenhöhe, Gegenanflug leicht zu weit
südlich, Queranflug, Final, weich aufsetzen, Durchstarten. Der erste Endanflug auf die Piste 24 war Maria
etwas zu tief angesetzt, die Sicherheitshöhe über den Büschen und dem Wall sollte etwas größer sein.
Das mache ich beim zweiten und dritten Mal besser. Etwas Smalltalk zwischendurch und die dritte
Landung sitzt auch. Dann heißt es zart abbremsen (nicht so wie ich es zuerst getan habe!) und Abrollen,
zurück zum Hangar.
Prima, meint Maria, außer der ersten etwas zu tief angesetzten Landung nichts auszusetzen. Auch
Stephan ist zufrieden mit seinem Schützling und hat lobende Worte parat. Meine Transpiration
funktioniert und ich bin super glücklich, etwas stolz und zufrieden.
Dann, nach einem kurzen Blick aufs Wetter kommt das, was wohl jeder Flugschüler ersehnt: Der erste
Soloflug. Maria und Stephan weisen mich noch darauf hin auch wirklich nach der Landung auszurollen
und nicht alleine aufzusetzen und durchzustarten.
Also wieder in den Flieger und Checkliste abarbeiten. Es ist wirklich schon sehr komisch, wenn rechts nur
ein loser Gurt auf dem Sitz liegt! Beim Check am Rollhalt muss ich warten bis ein UL gelandet und
abgerollt ist, dann bin ich dran und stehe mutterseelenallein mit der wunderbaren altbewährten Hotel
India auf der Piste. Die hat schon so viel mitgemacht und wird hoffentlich auch mich überleben. Noch
den Kurskreisel nachstellen und dann Vollgas.
Start problemlos, Querabflug OK, über dem Globus eindrehen. Im Gegenanflug auf 1300 Fuß wird mir
erst bewusst was hier gerade passiert. Ich fliege, alleine, mit 95 Knoten in einer 39 Jahre alten Cessna
152 über dem kleinen Silbersee und muss leider wieder runter (Takeoff is optional, Landing is
mandatory!). Aber die eingeübten Schritte klappen wie am Schnürchen. Funkspruch im Queranflug, im
Endanflug 65 Knoten festnageln, Klappen 30°, alles stabilisiert, jetzt nur noch aufsetzen wie immer.
Da kommt noch rasch ein Funkspruch von einem UL, welches am Rollhalt steht. Ich höre nur was von
„…rolle auf zum Start“ und sehe, wie die Maschine auf die vor mir immer größer werdende Piste rollt.
Vom Turm höre ich noch was von „… Platzrundenverkehr…“, aber da ist die Maschine schon auf der
Centerline. Wenn der sich beeilt, schießt es mir durch den Kopf, dann reicht das noch. Aber er beeilt sich
nicht, wird eher langsamer und stoppt fast. Also „Delta Hotel India – starte durch!“. Gas geben,
Vergaservorwärmung kalt, Klappen 20°. Da ich nicht gleich stark steigen will halte ich erstmal die Höhe

mit 2/3 Leistung und will dann am Pistenende in den üblichen Steigkurs einfliegen. Stephan merkt das
unten natürlich sofort und korrigiert: „Hotel India, Vollgas bitte!“ OK, also Klappen auf 10°; Steigen mit
70 Knoten, Querabflug, Globus, Gegenanflug usw. Wieder wird der Aufsetzpunkt querab passiert und die
Drehzahl reduziert.
Dann der nächste Fetzen Funkspruch, der mich im Ende des Gegenanflugs ins Grübeln bringt: „…über
Romeo…Mannheim…Landung Worms, Queranflug Piste 24…“. Moment mal das will ich doch auch
gerade machen. Da sehe ich den Flieger auch schon. Eine Cessna, auf 3 Uhr, genau auf meiner Höhe von
rechts kommend über dem Rhein. Hoppla, das würde gefühlt genau passen, also Vollgas und in einer
Rechtskurve steigen. Danach die Kursänderung irgendwie per Funk mitteilen. Da die Maschine unter mir
durchfliegt verliere ich kurz den Sichtkontakt. Als ich sie wieder sehe beginnt sie gerade in den Endanflug
einzukurven. Ich bin jetzt natürlich völlig im Off und viel zu hoch. Also etwas Gas raus, Kurs 06 wie im
Gegenanflug halten und weiterfliegen. Gerade als ich mir überlege wie ich jetzt wohl elegant mitteile,
dass ich jetzt in den Queranflug einschwenken will und den Endanflug etwas länger ziehen muss, meldet
sich Stephan von unten und sagt, dass die Maschine jetzt weit genug weg sei und ich nun wie normal
anfliegen und landen könne. Ich bin immer noch zu hoch (1800 ft). Zum Rhein ist es noch ein gutes Stück.
Also etwas Gas raus, und runter auf etwa 1000 Fuß kurz vor dem Rhein, so wie immer eingeübt. 65
Knoten festnageln, Klappen 30°. Alles wie gehabt. Die Landung ist unspektakulär und ich hab beim
Zurückrollen noch nicht ganz begriffen was eben gerade alles passiert ist. Stephan und Maria gratulieren
per Funk und ich werde diesen ersten Alleinflug bestimmt so schnell nicht vergessen.

 

Andreas Wüst, Mai 2018

 

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Alleinflug AW Gratulation 1